Hyoshigi, Kashiwade und der Ruf des Yobidashi – was man beim Sumo alles hört
Das Dohyo ist ein heiliger Boden – und heilige Böden haben eine eigene Akustik. Bevor zwei Rikishi auch nur einen Schritt aufeinander zumachen, hat das Kokugikan schon gesprochen: mit Holz, mit Stimme, mit Händen, mit Stampfen.
Wir gehen die wichtigsten Klänge der Reihe nach durch – vom ersten Trommelschlag am Morgen bis zum „Hakkeyoi!“ mitten im Kampf.
Der Tag beginnt mit Trommeln
Lange bevor die Makuuchi die Kesho-Mawashi anlegt, schlägt die Yosedaiko („Versammelt-euch-Trommel“) am Turniertag in der Frühe – im Kokugikan oft vom Turm vor dem Eingang, auf Jungyo-Tourneen direkt vor der Halle. Ihr Job ist schlicht, Menschen herbeizurufen.
Nach der Dohyo-Matsuri, der Weihe des neu gebauten Rings vor dem Basho, zieht eine Prozession mit der Fure-daiko (Ankündigungs-Trommel) um das Dohyo und weiter in die Straßen. Historisch zogen Yobidashi damit durch die Stadt und riefen Termine und Paarungen aus. Heute ist daraus eine Zeremonie geworden.
Am Ende eines Turniertags gibt es das Gegenstück, die Hanedaiko: Trommeln, die zum Wiederkommen einladen. Der Kreis schließt sich hiermit akustisch.
Das Klacken der Holzstöckchen: Hyoshigi
Das Geräusch, mit dem viele Fans Sumo verbinden: ein hartes, knackiges Klack. Zwei Holzklötze, aufeinander geschlagen. Das sind die Hyoshigi (拍子木) – wörtlich „Takt-Hölzer“.
Sie gehören dem Yobidashi, dem Ausrufer und Allround-Assistenten am Ring. Er klappt die Stöcke zusammen, um die Aufmerksamkeit der Halle zu bündeln: Jetzt tritt jemand in das Dohyo. Jetzt geht es los, jetzt passieren Dinge.
Woher das Instrument kommt
Die Hyoshigi sind nicht Sumo-spezifisch. Denselben scharfen Holzschlag kennt das Kabuki- und Bunraku-Theater: Dort markiert er den Vorhang, einen Szenenwechsel, einen dramatischen Halt. Nachtwächter nutzten ähnliche Klappern, um durch Gassen zu gehen. Feste setzen sie ein, um Mikoshi-Umzüge zu takten. Sumo nutzt diesen Klang, weil er genau das tut, was ein heiliger Ring braucht: Er schneidet durch Stimmengewirr und schafft Aufmerksamkeit.
Die Klötze sind meist hartes, dunkles Holz, oft durch eine Kordel verbunden. Der Ton ist bewusst trocken und hoch – kein dumpfes Trommeln, sondern ein Signal, das man auch in der hinteren Reihe unverwechselbar hört.
Wann sie zum Einsatz kommen
Im modernen Honbasho hört ihr die Hyoshigi vor allem:
- wenn Rikishi zum Ring gerufen werden und sich auf den Eintritt vorbereiten,
- beim Dohyo-iri der Juryo und der Makuuchi, also beim feierlichen Ring-Einmarsch,
- vor besonderen Ansagen des Gyoji – etwa dem „Tozai, Tozai“ vor markanten Stellen im Tagesablauf,
- als akustische „Klammer“, die den Blick der Halle wieder auf das Dohyo zieht.
Die Stimme des Yobidashi
Direkt nach dem Klack kommt die Stimme. Der Yobidashi ist weit mehr als ein Ansager. Er baut mit seinen Kollegen den Dohyo, hält Salz und Kraftwasser bereit, trägt Werbebanner über den Ring und hält das Basho am Laufen. Aber das, was ihr hört, ist sein Yobiage: der langgezogene, melodische Ruf der Shikona, der Kampfnamen.
Jeder Yobidashi hat eine eigene Stimmlage. Manche singen den Namen fast, andere lassen ihn schwer in der Halle stehen. Für Sekitori – also Rikishi ab Juryo aufwärts – kann der Ruf verdoppelt werden (Futagoe): der Name erklingt zweimal.
Tozai, Tozai
An bestimmten Stellen des Tages – besonders vor den letzten Kämpfen oder vor einer formellen Ansprache des Gyoji – klappt der Yobidashi die Hyoshigi und ruft „Tozai, Tozai“. Wörtlich: Ost und West (to = Osten + zai = Westen). Die Halle soll sich ausrichten, die beiden Seiten des Dohyo werden aufgerufen, die Aufmerksamkeit wird zentriert. Danach folgt oft die formelle Vorstellung der nächsten Begegnung.
Das Klatschen der Rikishi: Kashiwade und Chirichozu
Hier liegen zwei Begriffe nah beieinander. Sie gehören zusammen, meinen aber nicht dasselbe.
Kashiwade – das Klatschen zu den Kami
Kashiwade ist das Händeklatschen als Shinto-Geste. An Schreinen verbeugt man sich, klatscht, um die Kami aufmerksam zu machen, und verbeugt sich erneut. Shinto ist im Sumo tief verwurzelt und so ist auch dieses Ritual auf das Dohyo, den heiligen Boden, übertragen. Das Klatschen reinigt den Raum, sammelt den Geist.
Man hört und sieht Kashiwade vor allem beim Dohyo-iri, wenn die Rikishi den Ring betreten, in die Hände klatschen und die Arme heben. Es ist Dank, Reinigung und innere Sammlung in einem Schlag.
Chirichozu – Hände waschen, ohne Wasser
Chirichozu heißt wörtlich ungefähr „Staub und Handwasser“. Chiri ist der Staub, Chozu das Waschen der Hände vor dem Gebet am Schrein. Zusammen meint der Begriff eine Reinigung, die ohne Wasser auskommt.
Vor dem Kampf hocken beide Rikishi einander gegenüber in der Sonkyo-Position, zeigen die offenen Handflächen, klatschen und strecken die Arme. Dies soll ausdrücken:
- Ich trage keine Waffe.
- Dieser Kampf wird ehrlich geführt.
- Ich trete gereinigt auf den heiligen Boden.
Das Stampfen, das man fühlt: Shiko
Shiko ist zuerst Training: Bein hoch, Fuß mit ganzer Sohle in den Boden. Hunderte Male am Morgen in der Heya. Im Dohyo wird daraus ein Ritual, das Unheil aus dem Ring vertreiben soll. Und es ist gleichzeitig eine Kraftansage.
Im Yokozuna-Dohyo-iri wird Shiko zur eigenen Choreografie. In der Menge antwortet oft ein Yoisho – der kurze, pressende Anfeuerungsruf, mit dem Fans das Stampfen begleiten. Wer im Publikum sitzt, merkt: Shiko hört man nicht nur, man spürt es auch.
Die Stimme im Ring: Was der Gyoji ruft
Sobald der Kampf läuft, wechselt die Tonlage. Der Gyoji (Schiedsrichter) führt nicht nur mit dem Gunbai, dem hölzernen Kriegsfächer, sonder auch mit der Stimme. Drei Rufe sollte jeder erkennen.
Hakkeyoi
Hakkeyoi ist das Antreiben der Rikishi. Der Gyoji ruft ihn, wenn der Kampf stockt, wenn beide im Griff festhängen, wenn sie einen Impuls brauchen. Die Bedeutung liegt irgendwo zwischen „Jetzt aber!“ und „Zeigt euren Kampfgeist!“
Nokotta
Nokotta heißt wörtlich „er ist noch da“. Der Gyoji sagt damit: Niemand hat den Ring verlassen – der Kampf läuft weiter.
Matta
Matta bedeutet „Warte!“. Der Tachiai war ungültig: einer ist zu früh los, der Start war nicht gemeinsam. Beide Rikishi müssen zurück. Kraftwasser (Chikara-mizu) und Papier (Chikara-gami) kommen erneut.
Die leisen Töne dazwischen
Nicht alles, was rituell wichtig ist, ist laut oder überhaupt zu kören. Chikara-mizu, das Kraftwasser, ist fast still: ein Schöpfen, ein Spülen, ein Ausspucken in die Rinne, ein Abtupfen mit dem Chikara-gami (Kraftpapier). Das Salz, das über das Dohyo fliegt (Shio-maki), hat kaum eigenen Klang. Und doch sind auch dies nicht minder wichtige Rituale der Reinigung.
Auch das Publikum hat Disziplin. Zwischen den Kämpfen der unteren Divisionen ist die Halle gesprächiger. Je höher der Rang, desto klarer werden die Pausen, desto ruhiger ist es im Gesamten.






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