Ein Yokozuna kann nicht absteigen. Er kann nur eines tun: liefern – oder den Tsuna ablegen. Genau dazwischen steht Hoshoryu im Sommer 2026.
Neun Basho lang trägt der 27-Jährige aus der Tatsunami-beya den weißen Ehrengürtel. Ein Yusho als Yokozuna fehlt noch. Vier dieser neun Turniere endeten mit Kyujo. Zuletzt folgte Ende Juli eine Operation am rechten Knie. Sein Oyakata spricht öffentlich von Krise. Kommentatoren nennen ihn „bedauernswert“. Und das Aki Basho 2026 (13. bis 27. September, Ryogoku Kokugikan) rückt näher – wahrscheinlich ohne ihn auf dem Dohyo.
Für Fans ist das der Moment, genauer hinzuschauen: Nicht um zu richten, sondern um zu verstehen, welche Last der höchste Rang wirklich bedeutet.
Was ein Yokozuna wirklich ist
Yokozuna ist kein Rang wie die anderen. Ein Maegashira, der 7-8 holt, rutscht ab. Ein Ozeki mit zwei schwachen Basho in Folge wird kadoban und kann den Sanyaku verlassen. Ein Yokozuna bleibt Yokozuna – bis er selbst geht.
Dafür gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Er muss dem Rang würdig bleiben. Hinkaku – Würde, Haltung, Vorbildfunktion – gehört ebenso dazu wie Siege. Wer häufig fehlt, wer ohne Titel bleibt, wer verletzt und unvollständig antritt, hört irgendwann die Frage: Schadet dieser Tsuna dem Sumo mehr, als er ihm nützt?
Genau diese Frage umkreist Hoshoryu jetzt. Nicht weil er ein schlechter Rikishi wäre. Sondern weil der Rang keine Schonfrist kennt.
Der Weg nach oben – und der Schatten des Onkels
Hoshoryu Tomokatsu (geboren als Sugarragchaa Byambasuren am 22. Mai 1999 in Ulaanbaatar) debütierte im Januar 2018. Er ist der Neffe von Asashoryu, dem 68. Yokozuna und einem der dominantesten Rikishi der modernen Ära (25 Yusho).
Der Aufstieg war schnell: erstes Makuuchi-Yusho im Juli 2023 als Sekiwake, Ozeki-Promotion, zweites Yusho im Januar 2025 als Ozeki – und am 29. Januar 2025 die einstimmige Ernennung zum 74. Yokozuna. Er ist der sechste Mongole auf diesem Rang und der erste neue Yokozuna nach Terunofuji.
Zwei Kaiserpokale vor der Promotion, starke Wurftechnik, explosiver Tachi-ai: Das Profil passte. Dann kam der Tsuna. Und mit ihm eine andere Art von Sumo.
Die Bilanz als Yokozuna: nah dran, nie ganz oben
Seit der Promotion im Haru Basho 2025 hat Hoshoryu als Yokozuna noch kein Yusho geholt. Das ist die Zahl, die in jeder Berichterstattung steht.
Dabei war er oft nah:
- Im Natsu 2025 holte er 12-3 und den Jun-Yusho – inklusive eines Sieges gegen den späteren Yokozuna Onosato am Schlusstag.
- Im Aki 2025 stand er lange an der Spitze, verlor spät zwei wichtige Begegnungen und unterlag Onosato im Playoff. Es war das erste Yokozuna-gegen-Yokozuna-Playoff seit Asashoryu gegen Hakuho 2009.
- Weitere zweistellige Ergebnisse und weitere Jun-Yusho folgten.
Gleichzeitig häufen sich die Unterbrechungen. Schon im Debüt-Basho als Yokozuna (Haru 2025) musste er pausieren. Im Nagoya 2025 zog er sich erneut zurück. 2026 kamen Natsu (nach zwei Niederlagen) und Nagoya hinzu. Vier Kyujo in neun Basho – das ist für den höchsten Rang ungewöhnlich viel.
Die Verletzungskette betrifft vor allem die rechte Seite: Hamstring, dann das Innenband des Knies.
Nagoya 2026 und die Operation
Im Nagoya Basho 2026 startete Hoshoryu als Yokozuna Ost. Am 6. Tag verschlimmerte sich in der Begegnung gegen Hakunofuji ein altes Leiden. Er kämpfte sich auf 7-6 nach 13 Tagen, wirkte aber nicht wie er selbst. Am 14. Tag reichte er die Diagnose ein und trat nicht mehr an. Kirishima erhielt einen Fusensho.
Am 29. Juli folgte die Operation: teilweiser Riss des inneren Seitenbands (mediales Kollateralband) am rechten Knie, Reparatur.
Ende August, wenige Tage nach der Banzuke-Veröffentlichung für das Aki Basho, war der Stand laut seinem Oyakata eindeutig: Hoshoryu erscheint zwar in der Heya auf dem Keiko-ba, kann aber noch kein Shiko treten – die grundlegende Stampfbewegung, ohne die kein seriöses Training beginnt.
Für das Aki Basho (Beginn 13. September) gilt die Teilnahme daher als unwahrscheinlich. Die Banzuke listet ihn trotzdem als Yokozuna West neben Onosato Ost. Der Rang bleibt. Der Dohyo wartet.
Die Worte aus der Heya
Tatsunami-Oyakata (früher Komusubi Asahiyutaka) hat Ende August 2026 Klartext gesprochen. Die Kernaussagen aus mehreren japanischen Sportzeitungen vom 27. und 30. August lauten sinngemäß:
- In einem halbfertigen Zustand darf Hoshoryu nicht antreten.
- Wer als Yokozuna unvollständig auf den Dohyo steigt, weckt Stimmen nach dem Intai – dem Rücktritt.
- Dem Rikishi selbst sagt der Oyakata seit Längerem: Beim nächsten Antreten muss ein Yusho her, sonst wird es hart.
Das ist keine öffentliche Demütigung. Es ist die Sprache eines Shisho, der den Rang schützen will – und seinen Deshi. Ein Yokozuna, der „irgendwie“ 8-7 oder 9-6 schleppt, verletzt das Bild stärker als ein sauber begründetes Kyujo.
Der ehemalige NHK-Kommentator Fujii Yasuo formulierte es am 30. August mit mehr Wärme: Er finde Hoshoryu bedauernswert, weil ständig der Satz falle, er habe als Yokozuna noch nie gewonnen. Hoshoryu solle dieses Gerede nicht in den Kopf lassen und sein eigenes Sumo machen. Das Aki Basho hielt Fujii für unrealistisch. Im Zweifel lieber auch das Kyushu Basho auslassen – und im Januar 2027 mit voller Stärke antreten.
Das ist der eigentliche Druck: nicht nur gewinnen, sondern irgendwann unter dem Tsuna beweisen, dass der Rang verdient bleibt.
Warum dieser Druck historisch so schwer wiegt
Yokozuna leben im Vergleich. Hakuho (45 Yusho) und Asashoryu (25 Yusho) haben die Messlatte so hoch gelegt, dass jeder Nachfolger dagegen klein wirkt. Dabei gab es immer Rikishi, die den Tsuna schwerer trugen als andere.
Kisenosato, der letzte japanische Yokozuna vor Onosato, gewann als Yokozuna nur zwei Yusho und kämpfte fast die gesamte Zeit mit Verletzungen. Nach 12 Basho unter dem Tsuna beendete er die Karriere. Kakuryu brauchte nach der Promotion ebenfalls Zeit, bis der erste Titel als Yokozuna kam – und hörte trotzdem lange den Vorwurf, er sei „zu weich“ für den Rang.
Hoshoryu steht zusätzlich im Familienvergleich. Der Onkel stand für rohe Dominanz. Der Neffe ist ein Techniker: Uwatenage, geschickte Handarbeit, weniger rohe Masse als Onosato. Das ist kein Mangel. Es ist ein anderer Körper und ein anderes Sumo. Der Tsuna macht daraus trotzdem eine öffentliche Rechnung.
Verletzungen sind im modernen Sumo keine Ausrede, aber auch keine Schande. Der Kalender kennt sechs Basho pro Jahr, dazu Jungyo. Ein Knie, das kein Shiko erlaubt, gehört nicht auf den Dohyo. Das ist keine Schwäche. Das ist Verantwortung gegenüber dem Rang.
Onosato als Spiegel – nicht als Feindbild
Seit Mai 2025 gibt es wieder zwei Yokozuna. Onosato, der 75. Yokozuna, hat den Titelweg anders genommen als Hoshoryu: mehr Masse, mehr direkte Yusho, ebenfalls Verletzungen (Schulter), aber öffentlich das Image des „nächsten japanischen Anker-Yokozuna“.
Rivalität auf diesem Niveau ist gut für das Sumo. Sie darf nur nicht zur Erzählung werden, der eine „liefere“ und der andere „nicht“. Beide tragen denselben Gürtel. Beide können ihn nur durch Leistung und Haltung rechtfertigen. Hoshoryu hat Onosato bereits wichtige Begegnungen abgenommen. Das Playoff 2025 bleibt eine der starken Szenen der letzten Jahre.
Wenn Hoshoryu gesund zurückkehrt, wird genau diese Rivalität das Basho tragen – nicht das Narrativ vom „Yokozuna ohne Titel“.
Was jetzt zählt
Drei Dinge stehen vor dem nächsten Antreten:
- Heilung vor Kalender. Shiko ist die Messlatte. Solange die nicht geht, ist jedes „vielleicht doch Aki“ ein Risiko für den Rang.
- Ein klares Ziel statt Panik. Der Oyakata verlangt für das Comeback Yusho-Niveau. Das klingt hart, schützt aber vor einem verletzten 8-7, das noch mehr Stimmen laut macht.
- Geduld der Fans. Ein Yokozuna ohne Titel nach neun Basho ist eine statistische Tatsache. Sie sagt nichts Endgültiges über Qualität oder Charakter. Sie sagt, dass der schwerste Gürtel im Sport auch der einsamste ist.
Das Aki Basho 2026 wird Hoshoryu vermutlich vom Rand aus erleben. Danach folgt das Kyushu Basho im November. Das Hatsu Basho 2027 in Tokio könnte der Termin werden, den Fujii meint: nicht der letzte Versuch überhaupt – aber der erste, bei dem der Tsuna wieder ganz auf einem gesunden Körper sitzt.
Bis dahin gilt, was Hoshoryu selbst bei der Promotion sinngemäß versprochen hat: den Namen des Yokozuna nicht zu beflecken. Manchmal bedeutet das Kämpfen. Manchmal bedeutet es Warten.
Wir warten mit.
Basierend auf öffentlichen Aussagen von Tatsunami-oyakata sowie Berichten von Sports Hochi, Nikkan Sports (27. August 2026) und Sanspo (30. August 2026), ergänzt um Karrieredaten der Nihon Sumo Kyokai und nachvollziehbare Turnierverläufe. Alle Wertungen sind die des Sumo Fanclub Deutschland.








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